Elche, Kurbeln und Kaffee-Retter
Wenn man 125 Straßenkindern in Malabon helfen möchte, gibt es viele Wege, Spenden zu sammeln: Kuchenbasar, Tombola, Marathonlauf… oder eben 4.000 Kilometer mit dem Fahrrad durch halb Europa. Ich habe mich – Überraschung – für Letzteres entschieden. Und so ging es am Samstagmorgen um 6:00 Uhr wieder in den Sattel.
Samstag – Regen, rote Häuser und Mückenalarm
Als der Wecker klingelte: Regen. Louis startete 20 Minuten vor mir, ich folgte in voller Regenmontur. Eine Stunde später traf ich ihn wieder, sein Bein noch immer ein Problem. Er stand am Straßenrand. Mein Rat: Weiterfahren, im kleinen Gang! Denn Stehenbleiben macht alles schlimmer.



Die Strecke wurde einsam. Keine Ortschaften, nur Wälder, Hügel und endloser Asphalt. Falun, bekannt für seine Minen, die rote Hausfarbe und Wintersportwettbewerbe, war der einzige nennenswerte Ort.
Danach ging es weiter bergauf. Zum ersten Mal zickte mein Schaltwerk beim Wechsel aufs große Kettenblatt – nicht dramatisch, aber nervig. Immerhin kein Regen mehr. Nach über 260 Kilometern erreichte ich die Skålsjögården Timber Lodge, wo ich mir eine kleine Kabine (und ein großen Schnitzel) gegönnt hatte.



Dort lernte ich die schwedische Mückenmentalität kennen: Ein kurzer Tritt ins Gras, und die Beine sind ein All-you-can-eat-Buffet. Tür kurz offen gelassen? Willkommen im fliegenden Insektenhotel. Nach einer halben Stunde Kleinwildjagt war wieder Ruhe. Uns zum Glück hatte ich eine Schlafmaske dabei, denn die Nächte waren inzwischen kaum noch dunkel.
Sonntag 03. August – Nebel, Elch und ein leeres App-Regal
Der Tag begann freundlich: kein Regen, wenig Verkehr, viel Wald. Bald aber kam Nebel auf – perfektes „Elchwetter“. Und tatsächlich: ein Elch kreuzte meinen Weg. Leider war er schneller im Wald verschwunden, als ich mein Handy zücken konnte. Foto verpasst, Erinnerung behalten.




Die Strecke: traumhaft. Verkehr: kaum. Landschaft: wie aus einem skandinavischen Märchenbuch – nur mit mehr Steigung. In einem Supermarkt traf ich Christoph aus Frankreich, Produktentwickler bei Hoka, früher bei Salomon. Eigentlich ein Bergläufer, jetzt auf dem Rad quer durch Schweden. Wir nahmen uns reichlich Zeit für ein spätes Frühstück.



In Sundsvall kämpfte sich endlich die Sonne durch, Sonnencreme-Einsatz Nummer eins. Kaum Essen eingekauft, meldete sich der Vorderreifen: Loch. Glück im Unglück – direkt neben einer Tankstelle. Tubeless dichtete von selbst, und weiter ging’s.

Die Unterkunft an diesem Abend: ein ganzes Haus für mich allein – bislang mein Favorit. Nur schade, dass ich keinen Elch zum Mitessen einladen konnte.

Montag 04. August – Regen, Kurbel-Chaos und Kaffee-Gastfreundschaft
Regen von Anfang an. Und dann: Schaltprobleme. Kein großes Kettenblatt mehr. Erst dachte ich an den Kabelzug, danach an das Problem vom Vormonat, dann die böse Wahrheit: Der linke Kurbelarm hatte sich gelöst. Offenbar schon seit Verona. Das erklärt auch das mysteriöse Knacken seit dem Start und meine Kniebeschwerden. Naja, irgendwie alles wieder befestigt und weiter ging es.


Im nächsten Ort wollte ich nur kurz auf Toilette. Der Supermarkt: abweisend. Die Pizzeria: Ruhetag. Die Lösung: eine Werkstatt für Forstmaschinen. Jan Ove, der Besitzer, half mir nicht nur beim Batteriewechsel meines Leistungsmessers, sondern lud mich auf Kaffee und Kuchen ein. Wir plauderten eine Dreiviertelstunde, über Gott, die Welt und warum Menschen verrückte Dinge wie das Northcape 4000 fahren.


Danach: Baustelle deluxe – Schlamm, Schotter, Schlaglöcher. Der Kurbelarm lockerte sich erneut, diesmal musste der längere Inbusschlüssel ran. Hoffentlich hält das bis zum Nordkap…


Abends erreichte ich Lycksele. Gut, dass ich kurz vor neun noch eingekauft hatte – um 21 Uhr ist hier Schluss mit Gastronomie.
Dienstag 05. August – Zimtschnecken, Weltuntergangsregen und ein Wiedersehen
Das Frühstück in Lycksele war exzellent – wichtig, denn das Wetter meinte es wieder spannend machen zu müssen. Erst Rückenwind, dann Regenschauer light, dann: Weltuntergang.
Ich stand zufällig bei einem Supermarkt, als der Regen losging. Der Laden hätte auch irgendwo im australischen Outback stehen können – nur ohne frisches Brot. Dafür Messer, Buschhüte, Gummistiefel, und Zimtschnecken. Letztere wurden gekauft. Beim Rausgehen traf ich Philipp wieder, wir fuhren ein Stück zusammen, bis der nächste Guss kam.




Der Regen erwischte mich am höchsten Punkt der Strecke. Bevor ich in Regenklamotten war, war ich schon komplett durchnässt. Meine wasserdichten (!) Kopfhörer gaben den Geist auf. Die Abfahrt fror mich durch.
Kurz vor Boden stand plötzlich jemand am Radweg und winkte: meine alte Freundin Jenny mit Erik! Sie hatte mich extra abgepasst, wohnt sie doch circa 50 km von der Strecke entfernt.

Wir plauderten, machten Fotos und ich fuhr motiviert ins Tagesziel. Es war einer der bewegendsten und schönsten Momente auf den 4000 km!


Die Unterkunft in Boden: etwas merkwürdig, Gemeinschaftsbad, Gemeinschaftsdusche – aber ein Frühstück wie im Luxushotel. Man kann eben nicht alles haben.
