Mittwoch, 06.08.2025 Vom Dauerregen, Big Macs und Schweizer Lebensrettung
Es gibt ja diesen Spruch: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.“
An diesem Tag dachte ich mehrfach: „Okay, wer auch immer das gesagt hat, hat noch nie 270 Kilometer bei nordischem Dauerregen auf dem Rad gesessen.“
Der Morgen begann harmlos. Neben meiner Unterkunft in Boden gab es einen Supermarkt – das war meine Gelegenheit, mich für die bevorstehende Etappe nach Rovaniemi, Finnland, einzudecken. 271 Kilometer, Rückenwind in Aussicht, und vor allem: der letzte Kontrollpunkt vor dem Nordkap. Klingt nach einem planbaren Tag… dachte ich zumindest.




Nach rund 50 Kilometern fing der Regen an. Zuerst noch so ein freundliches Nieseln, das einem suggeriert: „Ach, das hört gleich wieder auf.“ Nein. Tat es nicht. Wenig später traf ich Philipp wieder – wir kannten uns schon von vorherigen Etappen – und wir fuhren gemeinsam bis zum Grenzübergang nach Finnland.
Letzter schwedischer Stopp: Övertorneå. Ein ICA-Supermarkt, in dem wir beide wie zwei durchnässte Otter einfielen. Anderthalb Stunden Pause, in der wir versuchten, wieder so etwas wie Körperwärme zu entwickeln. Danach war klar: Rückenwind hilft, also durch bis Rovaniemi, dann erst wieder einkaufen.


Ankunft in Finnland: Straßen ähnlich wie in Schweden, Landschaft ebenso – nur die Ortsschilder waren jetzt schwerer auszusprechen. Essenstechnisch gab’s keine große Auswahl.


Es war spät, und so blieb es bei McDonald’s. Aber mal ehrlich: Ein Big Mac schmeckt noch mal doppelt so gut, wenn man ihn nach 250 Kilometern verputzt.


Mein Hostel in Rovaniemi war schnell gefunden – zumindest von außen. Innen kam dann der Plot Twist: Ich schloss die Tür, und plötzlich war sie verriegelt… von innen. Ursache: Wenn der Schlüssel außen steckt und man die Tür zuzieht, sperrt man sich selbst ein. Klingt komisch, ist aber in Finnland offenbar eine Sache. Durch hartnäckiges Klopfen und Rufen befreite mich schließlich ein Schweizer Zimmernachbar. Danach: heiße Dusche, trockene Klamotten, und die Gewissheit, dass heute nichts mehr schiefgehen konnte.
Donnerstag, 07.08.2025 – Von Weihnachtsmännern, nassen Schuhen und falschem Kaffee 280 km von Rovaniemi nach Ivalo
Der Tag begann im Guesthouse mit einem Frühstück, das ich selbst zusammengebastelt habe – so wie MacGyver, nur ohne Explosionen. Ziel war der vierte Kontrollpunkt: das Weihnachtsmann-Center außerhalb von Rovaniemi. Ja, wirklich – ein Weihnachtsmann im August. Ein Foto, ein Kühlschrankmagnet und weiter ging’s.


Kaum losgefahren, fing es wieder an zu tröpfeln. Schuhe an, Regenjacke drüber, fertig ist der Finnland-Look. Die Landschaft: Bäume. Links Bäume. Rechts Bäume. Manchmal auch… mehr Bäume. Im Vergleich zu Schweden etwas mehr Menschen, aber immer noch so einsam, dass man sich freut, wenn mal eine Elchfliege vorbeischaut.
In einem Supermarkt traf ich den Schweizer wieder, mit dem ich schon vor Berlin ein Stück zusammen gefahren war. Und direkt wieder die Bilder von Bifi im Kopf. Ich aß Sandwiches, Joghurt – und trank ein „Kaffee“, der sich als Kondensmilch herausstellte. Fun Fact: Schmeckt genau so schlimm, wie es klingt.
Abends in Ivalo gab’s Pizza, halb drinnen, halb draußen, weil der Laden offenbar noch nie was von „Platz für zwei“ gehört hatte. Philip kam nur wenige Minuten nach mir in der Pizzeria an, durfte aber nur no „to go“ bestellen. Dann eben zwei Pizzen teilen, eine in der Pizzeria, und die andere davor. Dann noch schnell einkaufen und ins Hostel – nicht die „Perle Lapplands“, aber immerhin trocken. Am Ende ein Tag, der im Grau begann, im Grau weiterging, und in einem kurzen Sonnenfenster endete.
Freitag, 08.08.2025 – Finnland verabschiedet sich mit Sonne, Norwegen mit Hügeln ca. 260 km, von Ivalo nach Lakselv
Der Tag startete mit Sonnenschein – und schlechter Laune. Die Motivation war noch im Bett, aber nach 30 km kam eine Tankstelle mit Kaffee, und schon lief’s besser. Zumindest, bis der Vorderreifen seine eigene Meinung zur Weiterfahrt hatte. Erst an der Tankstelle den Kompressor „booten“ (dauert hier gefühlt so lange wie eine Steuererklärung), dann Schlauch wechseln, dann mit mageren 3 Bar losrollen, da der Kompressor nicht kompressierte.


Irgendwann kam eine zweite Tankstelle mit einem Kompressor, der mehr draufhatte. Ab da wurde es besser – landschaftlich zwar nicht aufregend, aber solide. Finnland verabschiedete sich mit welligem Terrain und vielen Rentieren.
Nach Norwegen rein änderte sich die Landschaft schlagartig – weniger Rentiere, mehr „Eifel-Vibes“. Rauf und runter, rauf und runter. In Lakselv merkte ich: Nur noch 20 km bis zur Unterkunft, die ich am Vorabend gebucht hatte. Viel zu früh! Also noch mal Supermarkt, Vorräte sichern (hier kommt wirklich lange nichts mehr), und um 20 Uhr ins Bett.



Wecker? 01:00 Uhr. Grund: den Sonnenaufgang um 02:25 Uhr genießen. Dunkel wird’s hier eh nicht – egal, wie spät es ist.
Samstag, 09.08.2025 – Am Nordkap und zurück 160 km bis zum Ziel

Frühstart. Leichter Rückenwind, 160 km bis zum Nordkap. Der Nordkaptunnel ist mit dem Rad eine Mutprobe: 9 % bergab, drei Kilometer flach, 9 % bergauf – alles bei Kälte, Dunkelheit und dem Gefühl, in einer feuchten Konservendose 220 Meter unter dem Meeresspiegel zu stecken.



Danach ein paar weitere Tunnel, dann zwei knackige Pässe, die Garmin wohl aus dem Höhenprofil streichen wollte – Überraschung! Kurz nach 9 Uhr stand ich am Nordkap, Platz 34 oder so, keine Ahnung. Hauptsache: Frühstücksbuffet. Speck, Ei, Joghurt, alles, was nicht weglaufen konnte.






Der Veranstalter kam gegen 11 Uhr, es gab den Stempel, Fotos, Interview – und dann ab zurück im Gegenwind. Ein paar bekannte Gesichter getroffen, Kartons fürs Fahrrad organisiert (Wind und große Kartons sind übrigens eine schlechte Kombi beim Radeln), Schiffspassage nach Tomsø und Taxi für den Morgen zum Hafengebucht. Planänderung: statt per Rad zurück (die Kurbel war wieder lose) nehme ich die Schiffspassage. Der Körper sagt „Danke“.






Sonntag, 10.08.2025 – Reise mit einem Pappkameraden
Am Sonntagmorgen um 5 Uhr ging es weiter: Taxi zum Hafen, denn einen Fahrradkarton mehrere Kilometer durch die Stadt zu schleppen, war selbst für Ultracyclisten keine Heldentat wert.



Pünktlich um 6 Uhr legte die Hurtigruten-Fähre an – reichlich Platz an Bord, Sonne auf dem Deck, Snacks vom Vortag im Gepäck. Mit einem längeren Landgang in Hammerfest wurde die knapp 18 Stunden dauernde Überfahrt fast gemütlich.



In Tromsø dann die Rückkehr in die Realität: Regen. Und ein schwerer Karton. Zum Glück half erst ein junges Pärchen aus meinem Nachbarort (!) – die beiden waren ebenfalls bis zum Nordkap geradelt – und später Nigel aus Neuseeland, der eigentlich nur auf seinen Bus wartete, mir aber die letzten 500 Meter bis zum Hotel abnahm.
Der Montag gehörte Tromsø selbst: Spaziergang, Polarmuseum, frische Luft. Außerdem kaufte ich Klebeband, um den inzwischen ziemlich ramponierten Radkarton zu stabilisieren. Am Dienstagmorgen ging es schließlich zum Flughafen. Klein, fein, unkompliziert – und am frühen Nachmittag landete ich mit nur leichter Verspätung in Düsseldorf.
Drei Wochen, etwas über 4.000 Kilometer, ungezählte Regentropfen, viele Pizzen, mehrere Kartons, neue Freunde, ein Nordkaptunnel zum Vergessen – und ein Herz voller Eindrücke: So lässt sich meine Teilnahme am NorthCape 4000 vielleicht am besten zusammenfassen.
Der Weg führte durch endlose Wälder, vorbei an neugierigen Rentieren, über Hügel, die eher kleine Berge waren, und schließlich bis zum nördlichsten Punkt Europas. Dort, am Nordkap, warteten nicht nur Speck, Ei und Kaffee, sondern vor allem dieses unglaubliche Gefühl: Es ist geschafft!

Doch das eigentliche Ziel lag nicht bei Kilometer 4023 (so die offizielle Distanz).
Es lag – und liegt – bei den 125 Straßenkindern in Malabon (Philippinen), die mit unserer Unterstützung eine Chance auf Bildung, ein Dach über dem Kopf und eine Perspektive bekommen. Jeder gefahrene Kilometer, jeder nasse Schuh und jede durchradelte Nacht sollte genau dafür ein Zeichen setzen.
Die Heimreise per Hurtigruten-Schiff und Flugzeug war dann fast schon „gemütlich“, auch wenn ein nasser Fahrradkarton in Tromsø einen eigenen Mini-Abenteuerfilm verdient hätte. Jetzt, zurück in Aachen, ist das Rad repariert, die Ausrüstung gewaschen – und der Kopf voller Ideen für das nächste Projekt.
Eins ist sicher:
Die Reise endet nicht am Nordkap. Sie geht weiter – so lange, bis jedes dieser Kinder eine bessere Zukunft hat.
👉 Wenn du Teil dieser Reise sein willst: Unterstütze die 125 Kinder von Malabon. Jeder Beitrag zählt – und macht aus Schweißperlen Hoffnung.
