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Silk Road Mountain Race 2026: Wenn Gesundheit vor dem Rennen kommt

Kirgistan, 40 Grad, endlose Dirtroads, Hike-a-Bike, kaputte Reifen und ein Sturz: Mein Silk Road Mountain Race 2026 verlief ganz anders als geplant. Am Ende musste ich das Rennen aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Eine schwere Entscheidung – aber die richtige.

Und auch wenn das Rennen damit für mich deutlich früher endete als gehofft, bleibt eine Menge: Erfahrungen, Begegnungen, Erkenntnisse und die Gewissheit, dass die Reise weitergeht.

Denn schließlich geht es beim Ultracycling nicht nur darum, möglichst viele Kilometer zu fahren. Für mich geht es auch darum, Kilometer für die Straßenkinder in Malabon auf den Philippinen zu sammeln.

Die Vorbereitung: Eigentlich lief alles nach Plan

Bis Mitte Juni war die Vorbereitung auf das Silk Road Mountain Race eigentlich ziemlich gut gelaufen. Mehr Kilometer wären natürlich immer wünschenswert gewesen, aber grundsätzlich lag ich im Plan.

Das B^Hard Ultracycling Race in Bosnien-Herzegowina hatte sich als hervorragende Vorbereitung erwiesen.

Für die letzten Wochen vor dem SRMR wollte ich verstärkt mit dem Mountainbike trainieren und insbesondere an meiner Technik arbeiten.

Dann kam die Bursitis am rechten Ellenbogen.

Damit war sinnvolles Training plötzlich kaum noch möglich. Zwei kurze Einheiten auf Zwift und zwei Sonntage mit meiner Trainingsgruppe – mit Schiene am Arm – waren im Juli im Wesentlichen das komplette Trainingsprogramm.

Also musste ich auf die berühmten „Lebenskilometer“ vertrauen. Die sollen es schließlich richten. Oder eben auch nicht.

Zusätzlich kamen berufliche und private Herausforderungen hinzu. Die letzten Wochen vor dem Rennen waren dadurch alles andere als optimal. Ich konnte mich nicht wirklich so auf das Silk Road Mountain Race konzentrieren, wie ich es gerne getan hätte.

Trotzdem sollte es losgehen.

Mit 23 Kilogramm nach Kirgistan

Schon beim Packen wurde klar: Das wird interessant.

Turkish Airlines hat ein ziemlich striktes Gewichtslimit von 23 Kilogramm für Sportgepäck. Fahrrad, verstärkter Karton und ein leerer Tailfin Cargo Rack brachten mich bereits gefährlich nahe an diese Grenze.

Der Rest musste deshalb in einen alten Koffer. Nach dem Motto: Wenn es sein muss, wird der Koffer eben in Kirgistan entsorgt.

Elektronik kam in den Rucksack und am Sonntag, dem 9. August, ging es zum Köln-Bonner Flughafen.

Der erste Flug nach Istanbul war schnell vorbei. Der Weg zum nächsten Gate dagegen weniger. Die Umsteigezeit war knapp, der Flughafen riesig und ich durfte einmal quer durch das Gebäude laufen.

Beim Landeanflug bemerkte ich, dass der Druckausgleich in meinen Ohren nicht funktionierte. Normalerweise habe ich damit überhaupt keine Probleme. Nur wenn ich erkältet bin. Der Gedanke wurde schnell wieder verdrängt.

Am Ende konnte ich beim Start nach Bischkek sogar mein Fahrrad und meinen Koffer auf dem Gepäckwagen vor dem Flugzeug erkennen.

Immerhin.

Willkommen in Bischkek

Gegen 4:30 Uhr morgens kam ich in Bischkek an.

Das Gepäck ließ zunächst etwas auf sich warten. Dafür wurde ich sofort von zwei der drei Mobilfunkanbieter freundlich umzingelt. Man wollte mir unbedingt eine SIM-Karte verkaufen. Ich hatte zunächst andere Sorgen. Irgendwann kam das Gepäck. Der Fahrradkarton hatte den Transport sichtbar nicht völlig unbeschadet überstanden, war aber noch in Ordnung.

Am Ausgang wartete bereits der bestellte Taxifahrer mit meinem Namensschild. Allerdings fehlte noch Jonathan, ein in der Schweiz lebender Südafrikaner, mit dem ich gemeinsam Richtung Start fahren sollte. Rund 40 Minuten später war auch er da.

Zeit genug, um mir nun doch eine SIM-Karte zu besorgen. Vier Wochen und unbegrenztes Datenvolumen kosteten umgerechnet etwa acht Euro. Dann ging es mehrere Stunden mit dem Taxi von Bischkek nach Talas. Und schon auf dieser Fahrt wurde klar:

Kirgistan hat Berge. Richtige Berge. Wir überquerten zwei oder drei Pässe, die allesamt über 3.000 Meter hoch waren. Am frühen Nachmittag erreichten wir Talas und unser Gästehaus.

Ein Gästehaus voller Ultracycling-Geschichten

Das Gästehaus wurde von einer Familie betrieben. Die Großmutter hatte jahrelang als Deutschlehrerin an der örtlichen Schule gearbeitet und freute sich sehr, wieder Deutsch sprechen zu können. Auch die Kinder lernten Deutsch. Und die Gastgeberin konnte hervorragend kochen. Ich habe mich dort wirklich sehr wohlgefühlt.

Nach und nach trafen auch die anderen Teilnehmer ein: Südafrikaner, Australier, ein Amerikaner, ein Taiwanese und natürlich Jonathan. Eine ziemlich bunte Mischung.

Wie das bei Ultracycling-Leuten so ist, dauerte es nicht lange, bis Geschichten von vergangenen Rennen ausgetauscht wurden. Erfahrungen, Tipps und Strategien wurden geteilt. Obwohl bei den meisten Strategien vermutlich schon klar war, dass sie spätestens auf der Strecke wieder angepasst werden würden.

Meine eigene Strategie sah zunächst vor, tagsüber auf etwa 2.800 Metern Höhe zu verbringen und abends wieder ins Gästehaus zurückzukehren. Die rund 40 Kilometer bis dorthin waren allerdings deutlich anspruchsvoller als gedacht. Viereinhalb bis fünf Stunden dauerte die Fahrt nach oben.

Nach Rücksprache mit Paul Thelen änderte ich deshalb den Plan. Mittwochmittag fuhr ich hoch, übernachtete auf 2.800 Metern und kam Donnerstagmorgen zum Frühstück wieder herunter. Freitag sollte der Erholung dienen. Für mich war es die erste Nacht in dieser Höhe. Niedrige Sauerstoffsättigung und hoher Puls inklusive. Zum Glück hatte ich ein Oximeter dabei und konnte die Werte regelmäßig kontrollieren. Wenn es notwendig gewesen wäre, hätte ich mich noch nachts wieder nach unten bewegt. Aber es ging gut. Erholsam war die erste Nacht auf dieser Höhe allerdings eher nicht.

Registrierung und Bike Check

Am Donnerstag standen letzte Besorgungen und das finale Packen des Fahrrads auf dem Programm. Freitag folgte die Registrierung für das Silk Road Mountain Race. Ein besonders guter Service: Koffer und Fahrradbox konnten abgegeben werden und wurden zum Zielort transportiert.

Die Registrierung ging schnell. Anschließend ging es zu Fuß zurück zur Unterkunft, noch Lebensmittel einkaufen und am Nachmittag mit den Rädern zum Bike Check. Dabei hatte ich bereits den Eindruck, dass der Hinterreifen etwas Luft verlor. Warum, war nicht ersichtlich. Also noch einmal Dichtmilch nachgefüllt, Luft drauf und gehofft, dass sich das Thema damit erledigt hatte. Spoiler: Hat es nicht.

Um 17 Uhr begann das offizielle Briefing. Regeln, Streckenabschnitte und alles, was man vorher gefühlt schon 20.000 Mal gelesen hatte, wurden noch einmal erklärt. Danach ging es früh ins Bett. Der Start war auf 9 Uhr verschoben worden. Eine Stunde später als ursprünglich geplant. Diese eine Stunde sollte mir später noch sehr oft durch den Kopf gehen.

Samstag, 9:00 Uhr: Der Start

Der Wecker klingelte um 6:30 Uhr. Kurzer Check am Fahrrad: Der Hinterreifen hielt die Luft. Gut.

Beim Frühstück meldete sich allerdings mein Garmin mit der Nachricht, dass die Batterien meines Leistungsmessers ersetzt werden müssten. Nur: Wo hatte ich die Ersatzbatterien versteckt? Also noch schnell in ein Geschäft. Handelsübliche Batterien? In Kirgistan offenbar nicht ganz so handelsüblich. Ohne Batterien ging es erst einmal zum Start.

Punkt 9 Uhr fiel der Startschuss.

Ich stand relativ weit hinten und nutzte die ersten 20 Kilometer, um mich langsam nach vorne zu arbeiten. Bis zur Stelle meines früheren Nachtlagers auf etwa 2.800 bis 2.900 Metern lief es einigermaßen. Allerdings nicht ganz so flüssig wie an den Tagen zuvor. Ich schob es zunächst auf vielleicht ein Kilo zusätzliches Gepäck. Dann kamen die letzten 700 Höhenmeter. Auf etwa zehn Kilometern. Fahren, schieben, tragen und vor allem: fluchen.

Um 15:40 Uhr erreichte ich nach insgesamt 6:40 Stunden Fahr- und Schiebezeit endlich den Pass. Zeitlich war ich zu diesem Zeitpunkt noch genau im Plan.

Der erste Reifen macht Probleme

Die Abfahrt war technisch anspruchsvoll. Viele Passagen schob ich ebenfalls. Dann ging es immer weiter hinunter. Die Temperaturen stiegen mit jedem Meter. Gegen 18 Uhr entdeckte ich einen blauen Container am Straßenrand. Ein Supermarkt.

Nicht auf der Karte eingezeichnet. Perfekt. Kalte Getränke, etwas Proviant und weiter.

Die Straßen wurden breiter und besser, teilweise sogar asphaltiert. Richtung Toktogul kam ich gut voran und konnte einige Fahrer überholen. Dann wurde es dunkel. Kurz vor Toktogul ging es für einige Kilometer auf eine stark befahrene Straße. Mein Radar-Rücklicht informierte mich zuverlässig über herannahende Fahrzeuge.

Danach rechts ab auf einen Feldweg. Ein weiterer Supermarkt. Wieder Wasser kaufen. Dann ging es durch Dörfer und über Singletrails durch Felder in die Nacht. Toktogul wurde umfahren. Eigentlich wollte ich dort etwas Warmes essen. Aber ich war gerade im Flow. Also weiter.

Gegen 22:30 Uhr sah ich einige Teilnehmer in einem Restaurant sitzen. Das überzeugte mich dann doch. Suppe, etwas zu trinken – und weiter. Nur meldete sich kurz vorher mein Hinterreifen erstmals deutlicher. In einer scharfen Kurve rutschte er fast von der Felge. Luft rein. Das sollte doch bis zum Morgen reichen?


00:40 Uhr: Gute Nacht, Milchstraße

Kurz nach Mitternacht war die Luft wieder raus. Ich konnte nicht erkennen, warum. Keine sichtbare Dichtmilch, kein offensichtliches Loch. Also wurde aus dem Plan, die Nacht durchzufahren, kurzerhand ein anderer Plan. Um 0:40 Uhr lag ich im Biwak und betrachtete die Milchstraße. Auch das gehört zum Ultracycling. Man plant, Kilometer zu machen. Und landet dann mitten in Kirgistan unter einem fantastischen Sternenhimmel.

Am nächsten Morgen machte ich mich um 5:15 Uhr wieder an den Reifen. Ich wollte so lange wie möglich tubeless fahren. Schon am ersten Tag auf einen Schlauch zu wechseln, erschien mir keine gute Idee. Die Fehlersuche dauerte allerdings sehr lange. Am Ende war die Ursache eindeutig:

Das Felgenband war beschädigt.

Die Luft entwich an den Speichen. Mehr als zwei Stunden später war ein Schlauch montiert. Gegen 8 Uhr ging es frustriert weiter. Im nächsten Supermarkt gab es Frühstück: Joghurt, Brot und Milch.


Hitze, Dirtroads und Hike-a-Bike

Morgens um 7:00 Ihr

Um 8:15 Uhr war die Motivation wieder da. Asphalt, Steigungen – mein Ding. Ich kam gut voran und hatte ausreichend Proviant. Zur Mittagszeit verschwand der Asphalt. Dafür kamen die Hitze und die Dirtroad. Und steile Anstiege. Also wieder: Schieben.

An einem Fluss konnte ich die Flaschen auffüllen und mich etwas abkühlen. Dann weiter. Noch mehr Steigung. Noch mehr Hitze. Noch mehr Schieben. Aber dazwischen auch wunderschöne Abfahrten über Schotter.

Ein ewiges Auf und Ab

Gegen 17:30 Uhr erreichte ich ein kleines Dorf mit einem Supermarkt. Die gekauften Ramen konnte man sich nebenan warm machen lassen. Etwas Warmes zu essen tat richtig gut. Die Pause nutzte ich außerdem, um Telefon und Powerbanks zu laden. Der Nabendynamo liefert bei Schrittgeschwindigkeit schließlich nicht gerade überschüssige Energie.

Am Abend ging es weiter. Mein Plan: bis 22 Uhr fahren und dann bis 4:30 Uhr schlafen. Tatsächlich fand ich gegen 22 Uhr einen Platz. Klare Nacht, über 2.000 Meter Höhe, fantastische Sterne. Wieder nur das Biwak. Das Zelt blieb eingepackt. Kurz vor dem Einschlafen tauchten noch drei weitere Teilnehmer auf und ließen sich neben mir nieder. Die Milchstraße war wieder beeindruckend.


Der lange Weg nach oben

Um 4 Uhr wurde ich unruhig. Langsam Sachen packen, gleichzeitig etwas essen. Bei mir dauert es grundsätzlich ungefähr eine Stunde vom Wecker bis zum ersten Pedaltritt.

Dann ging es wieder bergauf. Hike-a-Bike inklusive. Irgendwann war ich oben.

In der Abfahrt bog ich plötzlich auf einen Singletrail ab – beziehungsweise zunächst daran vorbei. Also umdrehen. Karten und Apps überprüfen. Ja, das war tatsächlich der richtige Weg. Unten konnte ich noch einmal Wasser an einem Fluss tanken.

Danach ging es durch das Nichts nach oben. Bis zum nächsten Wasserlauf dauerte es 2:15 Stunden. Meistens zu Fuß. Nach einer längeren Pause am Bach kamen die letzten Höhenmeter. Fast drei weitere Stunden bis zur Passhöhe. Viel Laufen, etwas Fahren. Oben war es angenehm kühl. Fast schon zu kühl. Jacke und dickere Mütze wurden ausgepackt.

Die Abfahrt dagegen war wieder etwas für die Kategorie „laufen lassen“. Mit dem kleinen Nebeneffekt, dass ich eine Trinkflasche verlor. Die Suche blieb erfolglos. Im Tal waren es knapp 40 Grad. Zum Glück gab es einen Supermarkt. Dort trafen sich viele Teilnehmer.

Auch Eneco, der in der Abfahrt schwer gestürzt und kurz bewusstlos gewesen war und auf die medizinische Crew wartete. Auch Stephen Gow war bereits dort, den ich aus dem Gästehaus kannte.


128 Kilometer ohne Verpflegung

Nach Dumplings und Brot kaufte ich ausreichend Vorräte für die nächsten 24 Stunden. Die nächsten 128 Kilometer gab es keine weitere Verpflegungsmöglichkeit. Die Pause wurde etwas länger als geplant. Aber die Hitze war brutal. Als das Thermometer schließlich unter 35 Grad fiel, ging es weiter auf der Dirtroad.

Der Staub machte mir zunehmend zu schaffen. Seit einem Tag hatte ich Husten. Der Staub war dabei ungefähr so hilfreich wie Sand im Getriebe.

Gegen 22:15 Uhr fand ich einen Platz für die Nacht. Ich öffnete die Packtasche mit Proviant und Schlafsachen. Und da war dieser Geruch. Merkwürdig. Ich konnte ihn zunächst nicht einordnen. Die Kleidung roch ebenfalls danach. Egal. Müde ins Biwak.


Das Frühstück des Grauens

Am nächsten Morgen um 5 Uhr war ich hungrig. Der Geruch war immer noch da, sogar noch stärker. Käse und Brot rochen merkwürdig. Aber Hunger ist Hunger. Also etwas davon gegessen. Der Geschmack war übel. Trotzdem zwang ich mich, kleine Bissen zu essen. Nach zehn bis fünfzehn Minuten musste ich mich allerdings mehrfach übergeben. Die Erklärung war schnell gefunden:

Eine Tube Vulkanisierungsflüssigkeit war geplatzt und hatte sich in der Packtasche verteilt. Alles roch danach. Sogar durch die Plastikverpackungen war der Geruch gedrungen.

Der gesamte Proviant war verdorben.

Das konnte ja heiter werden. Mir blieb zunächst nichts anderes übrig, als hungrig weiterzufahren. Später versuchte ich noch einmal etwas zu essen. Erfolglos. Meine letzten Riegel aus der Food Pouch waren längst aufgegessen. Ich schleppte mich weiter. Der Flow war endgültig verschwunden.


Wenn das Fahrrad auch noch anfängt

Gegen 10:15 Uhr machte ich Pause und kümmerte mich um das Fahrrad. Seit dem Vortag gab es schleifende Geräusche am Vorderrad. Außerdem schien das rechte Pedal zu haken. Neue Bremsbeläge beseitigten immerhin das Geräusch am Vorderrad. Das Pedalproblem ließ sich nicht so einfach lösen.

Also: Weiter.

Gegen 14:30 Uhr erreichte ich einen größeren Fluss. Ein paar Kekse, die nur wenig Geruch aufgenommen hatten, mussten als Mittagessen herhalten. Ich hatte mittlerweile eine kleine Hungersnot an Bord. Entsprechend langsam ging es voran. Gegen 16:40 Uhr erreichte ich die nächste Passhöhe. Wieder Hike-a-Bike. Am Horizont waren Berge mit Gletschern zu sehen. Der Anstieg war brutal heiß und ohne Schatten. Und dann änderte sich das Wetter.

Schon nach wenigen Metern Abfahrt musste die gesamte Klamottenstrategie neu sortiert werden: Beinlinge, lange Handschuhe, Daunenjacke, Softshell. Ein Unwetter zog auf. Donner hallte durch das Tal. Dann, kurz vor dem nächsten Ort, der nächste Rückschlag:

Durchschlag hinten.

Zu wenig Luft. Und natürlich funktionierte die normale Luftpumpe inzwischen nicht mehr richtig. Also musste die Federgabelpumpe herhalten, die ich vorsorglich als Ersatz dabeihatte. Das Aufpumpen dauerte. Es machte keinen Spaß. Aber irgendwann ging es weiter. Eine halbe Stunde war weg. Noch im Rahmen.


Nudeln, Tee und 13 Grad

Gegen 19:20 Uhr erreichte ich den Supermarkt. Einkaufen. Die Besitzerin machte für mich und andere Teilnehmer sogar noch Nudeln warm. Dazu Tee. Und einen Schuppen, der als improvisiertes Gasthaus diente.

Nach dem Essen war es dunkel. Und kalt. Nur noch 13 Grad. Der Regen hatte aufgehört und der Himmel war wieder klar. Durch den Regen waren viele Wege matschig geworden. Kleine Bäche führten deutlich mehr Wasser. Im Dunkeln macht es ausgesprochen wenig Spaß, durch Bachläufe zu fahren oder zu waten. Zusammen mit Chung Chiao Yang kämpfte ich mich weiter. Er kämpfte mit seinem Magen. Ich mit der Müdigkeit.

Gegen Mitternacht verließen wir die große Straße und gelangten wieder auf einen kleinen Weg. Dort wartete ein weiterer Fluss. Wir entschieden uns, nicht weiterzufahren. Zelt aufbauen. Es sollte eine kalte Nacht werden. Das Biwak wäre vermutlich zu kalt gewesen.


Die Schnecke frisst uns

Am nächsten Morgen wachte ich gut erholt auf. Die Schnecke hatte uns gerade gefressen. Aber ich war überzeugt: Der Kontrollpunkt war noch zu schaffen. Zunächst mussten wir die Fahrräder wieder bergauf schieben. Bis zum Gipfel um 8 Uhr war es ein einziger Kampf.

Die Abfahrt war extrem technisch. Viele Stellen waren mir schlicht zu gefährlich zum Fahren. Also schieben.

Um 9:20 Uhr, fast im Tal, kam dann eine Kletterpassage, die ich für unnötig und gefährlich hielt. Ein falscher Schritt – und einige Meter Absturz in den Fluss.

Warum dieser Weg, wenn auf der anderen Flussseite ein normaler Weg in der Ebene entlangführt? Chung und ich kamen irgendwie darüber hinweg.

Kurze Pause. Wasser auffüllen. Etwas essen. Und weiter.


Der Sturz

Dann machte ich einen kleinen, dummen Fehler. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass meine Jacke nicht mehr am Gepäckträger befestigt war. Automatisch dreht man sich um.

Auf der Straße kein großes Problem. Im Gelände schon.

Als ich wieder nach vorne schaute, touchierte mein Vorderreifen bereits einen Stein.

Gleichgewicht weg. Und schon flog ich etwa anderthalb Meter nach rechts in ein Flussbett. Zum Glück waren es Flusskiesel und keine scharfe Kante. Aber angenehm war der Aufschlag trotzdem nicht.

Ich sammelte alles wieder ein, was im Wasser gelandet war, stellte das Fahrrad auf den Weg und lief zurück zur Pausenstelle. Zum Glück war die Jacke noch da. Ein anderer Teilnehmer kam mir bereits mit ihr entgegen. Puh. Glück gehabt. Ohne die Jacke wäre ein Wetterumschwung nicht besonders lustig geworden.


Jetzt wurde es eng

Weiter. Noch genügend Zeit für den Kontrollpunkt? Es wurde eng.

Der nächste Berg war wieder ein Hike-a-Bike-Abenteuer. Meine Beine waren schwer. Ich bekam schlecht Luft. Der Berg war deutlich heftiger, als er zunächst ausgesehen hatte.

Um 13:38 Uhr erreichte ich endlich die Passhöhe. Noch zwei Stunden bis Kontrollschluss. Noch 28 Kilometer. Das wird wohl nichts mehr. Trotzdem versuchte ich, noch einmal alle Kräfte zu mobilisieren.

So schnell wie möglich die Abfahrt hinunter. Doch mit jedem Kilometer zum Kontrollpunkt schwanden die Kräfte. Ich konnte ihn schon lange am anderen Seeufer sehen. Aber irgendwie kam ich nicht näher.

Die letzten 20 Kilometer waren mehr Schleichen als Fahren. Die letzten sieben Kilometer kam ich kaum noch vorwärts. Keine Kraft mehr. Schmerzen in Lunge und Beinen. Mehr als 70 Watt auf der Ebene waren nicht mehr drin. Lächerlich. Aber wahr.

Um 16:44 Uhr erreichte ich den Kontrollpunkt. 44 Minuten zu spät.


Erst einmal essen

Natürlich war ich enttäuscht. Aber vor allem war ich froh, endlich etwas Vernünftiges zu essen.

Danach suchte ich mir schnell einen Platz in einer Jurte und bekam tatsächlich den letzten verfügbaren Platz. Tee, Gespräche mit anderen Teilnehmern und eine Dusche später ging es gegen 22 Uhr ins Bett.

Satt. Zufrieden. Und mit dem Plan, am nächsten Morgen ausgeruht wieder anzugreifen.

Ich hatte hervorragend geschlafen. Das Fahrrad war vor dem Frühstück bereits fertig. Um kurz nach 9 Uhr wollte ich wieder los. Aber irgendetwas hielt mich fest. Wie ein Magnet. Ich kam nicht vom Fleck. Keine Luft. Keine Kraft. Das Pedal festgefressen. Husten. Schmerzen vom Sturz.

Und plötzlich musste ich mir eine Frage stellen, die ich eigentlich nicht stellen wollte.


Gesundheit vor Rennen

In 50 Kilometern lag der nächste Supermarkt. Danach begann ein langer Abschnitt entlang der Militärzone und der chinesischen Grenze. Viele Höhenmeter. Keine Möglichkeit, schnell Hilfe zu bekommen, falls etwas passieren sollte.

Und mein Körper sagte ziemlich deutlich, dass er davon nichts wissen wollte. Mein rechter Fuß war komplett blau. Der Unterschenkel hatte tiefe Wunden und schmerzte. Der Rücken ebenfalls.

Der Husten wurde schlimmer. Insgesamt fühlte ich mich angeschlagen, ohne zunächst genau zu wissen, warum. Es war Zeit, eine Entscheidung zu treffen.

Entscheidung getroffen

War es das Risiko wert?

Oder geht die Gesundheit vor? Ich habe mich für die Gesundheit entschieden. Und das war die richtige Entscheidung. Der Ausstieg aus dem Silk Road Mountain Race war trotzdem alles andere als leicht.

Ich war am Boden zerstört.

Ich wusste, wie viele Menschen zu Hause mitfieberten.

Ich wollte diese zwei Wochen durch Kirgistan fahren.

Ich wollte Kilometer sammeln.

Und ich wollte vor allem weitere Spenden für die Straßenkinder in Malabon sammeln.

Aber ein Weitermachen um jeden Preis ist nicht automatisch Mut.

Manchmal ist es Mut, aufzuhören.


14 Stunden im Van

Zusammen mit drei weiteren ausgeschiedenen Teilnehmern konnte ich mit einem Van nach Cholpon-Ata fahren. Dort waren mein Koffer und die Fahrradbox. Von dort sollte es noch am selben Tag nach Bischkek zurückgehen.

Die nächsten 14 Stunden im Jeep waren allerdings alles andere als angenehm. Ich konnte mich kaum bewegen. Alles tat weh.

Ein platter Reifen am Van war dagegen fast schon eine Kleinigkeit und schnell behoben. Gegen Mitternacht erreichten wir gemeinsam das Hostel in Bischkek. Ich freute mich auf eine Dusche. Und erschrak vor dem Spiegel.

Der Sturz war offensichtlich wesentlich heftiger gewesen, als ich zunächst gedacht hatte. Überall am Rücken waren teilweise tiefe Schürfwunden. Dazu enorme Wassereinlagerungen. Der Husten war inzwischen deutlich schlimmer geworden. Der Auswurf wechselte die Farbe, Grün-Gelb dominierte.

Ich tauschte Bilder und meine Beobachtungen mit meinem befreundeten „Rennarzt“ aus. Die Empfehlung war eindeutig: So schnell wie möglich nach Hause.


Heimwärts

Am Freitagmorgen ging es zunächst zum Frühstück. Danach mit dem Taxi zum Turkish-Airlines-Büro, um den Flug umzubuchen. Der neue Abflug war Samstagmorgen um 5 Uhr.

Gerade genug Zeit, um das Fahrrad wieder einzupacken, ein paar Andenken zu kaufen und am Abend noch mit Pierluigi aus Turin und Johann aus Eindhoven bei einem lokalen Italiener eine sehr leckere Pizza zu essen.

Der Rückflug verlief ruhig. Ich konnte viel schlafen.

Als ich am Samstag um 14 Uhr meinen Koffer und mein Fahrrad am Köln-Bonner Flughafen wieder in Empfang nahm und meine Frau mich am Ausgang in die Arme nahm, war ich vor allem eines:

froh, wieder zu Hause zu sein.


Was bleibt?

Manchmal gehen Pläne und Wünsche einfach nicht in Erfüllung. Natürlich wäre ich gerne die zwei Wochen durch Kirgistan gefahren. Natürlich hätte ich gerne noch mehr Kilometer gesammelt. Und natürlich hätte ich gerne noch mehr Spenden für die Straßenkinder in Malabon gesammelt.

Aber ein Abbruch ist manchmal schwieriger als weiterzufahren.

Trotzdem wäre ein Weiterfahren in meinem Zustand gesundheitlich nicht zu verantworten gewesen. Wie sich im Nachhinein herausgestellt hat, hatte ich durch den Vorfall mit der ausgelaufenen Vulkanisierungsflüssigkeit eine Vergiftung davongetragen. Die Blutwerte waren eindeutig.

Mein ganzer Körper fühlte sich an wie permanenter Muskelkater – kombiniert mit Husten und Erkältung.

Den nächsten Abschnitt des SRMR hätte ich niemals geschafft.

Die Entscheidung, aufzuhören, war deshalb nicht nur richtig. Sie war notwendig.


Was ich aus dieser Niederlage gelernt habe

Ja, Niederlage. Es ist nichts anderes. Aber auch aus Niederlagen kann man lernen.

1. Die Vorbereitung muss stimmen

Wenn die Vorbereitung nicht annähernd optimal ist, sollte man überlegen, das Unternehmen bereits vorher zu stoppen und zu einem anderen Zeitpunkt neu anzugreifen.

Die Bursitis im Ellenbogen hat mich hier deutlich zurückgeworfen.

2. Mehr Techniktraining

Ich hätte wesentlich mehr Mountainbike-Technik trainieren müssen.

3. Ein 30er Ritzel vorne wäre hilfreich gewesen

Manchmal sind es eben die kleinen Dinge.

4. Weniger Gepäck

Rund 1,5 Kilogramm hätten zu Hause bleiben können.

5. Essen und Chemikalien strikt trennen

Das Experiment mit der Vulkanisierungsflüssigkeit brauche ich definitiv kein zweites Mal.

6. Den Hinterreifen vor dem Start komplett überprüfen

Der Hinweis war da.

Ich hätte ihn ernster nehmen müssen.


Und trotzdem: Es gab sehr viel Gutes

Nicht alles ging schief. Im Gegenteil.

Die Akklimatisation hat gut funktioniert. Die vorsorglich mitgenommenen Medikamente gaben mir mentale Sicherheit – auch wenn ich sie zum Glück nicht benötigte.

Das Fahrrad war ausgesprochen bequem und perfekt eingestellt. TPU-Schläuche haben sich als gute Alternative erwiesen.

Und vor allem habe ich viele tolle Menschen kennengelernt. Über eine WhatsApp-Gruppe bleiben wir auch weiterhin in Kontakt.

Und dann ist da noch Kirgistan. Ein wundervolles Land. Mit wundervollen, gastfreundlichen Menschen.

Ich bin dankbar, dort gewesen zu sein.


Erstaunlich wenig kaputt

Gemessen daran, was unterwegs alles passiert ist, ist erstaunlich wenig Material auf der Strecke geblieben:

  • Lenkerband auf beiden Seiten
  • Hinterreifen
  • ein TPU-Schlauch
  • der beim Sturz beschädigte Helm
  • diverse Tüten und Dry Bags, die mit der Vulkanisierungsflüssigkeit in Kontakt gekommen waren
  • die Fahrradpumpe

Das Fahrrad hat also einiges mitgemacht.

Ich offenbar auch.


Und 2027?

Werde ich das Silk Road Mountain Race noch einmal fahren?

Nein.

Damit habe ich abgeschlossen. Es ist, wie es ist. Und wer weiß, wofür es gut war.

Ultracycling werde ich trotzdem weitermachen.

Und ich werde auch weiterhin für die Straßenkinder in Malabon sammeln. Vielleicht wieder auf der Straße. Bestenfalls auf Gravel.

Was 2027 konkret passieren wird, steht allerdings noch nicht fest. Einen konkreten Plan für weitere Ultracycling-Rennen gibt es noch nicht. Erst muss die Gesundheit wieder vollständig hergestellt sein. Dann sehen wir weiter. Vielleicht wartet irgendwo schon das nächste Abenteuer.

Vielleicht sogar eines, bei dem der Reifen hält, die Vulkanisierungsflüssigkeit in der Tube bleibt, das Gepäck 1,5 Kilogramm leichter ist und ich nicht mitten in Kirgistan feststelle, dass 70 Watt plötzlich mein persönliches Maximum darstellen.

Aber eines ist sicher:

Die Reise geht weiter.

Für mich. Für das Ultracycling. Und vor allem für die Straßenkinder in Malabon.

💛 Du kannst die Kinder in Malabon unterstützen

Jeder Kilometer, den ich fahre, soll nicht nur ein persönliches Abenteuer sein. Mit meinen Ultracycling-Projekten möchte ich Aufmerksamkeit schaffen und Spenden für die Straßenkinder in Malabon auf den Philippinen sammeln.

Wenn du mein nächstes Abenteuer begleiten und gleichzeitig helfen möchtest, freue ich mich über deine Unterstützung.

Denn auch wenn dieses Rennen anders endete als geplant: Der eigentliche Weg geht weiter.

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