Von Pizza, Pfützen und Packproblemen
Manche sagen, ein Ultra-Cycling-Abenteuer beginnt mit dem Startschuss.
Ich sage: Es beginnt mit dem verzweifelten Versuch, das halbe Wohnzimmer in eine Fahrradtasche zu quetschen. Wochenlanges Training, Listen voller „Das darf ich nicht vergessen!“ und der bange Blick aufs Wetterradar gehören einfach dazu.
Donnerstag – Verona ruft
Der Flug nach Italien verlief reibungslos, und Verona begrüßte mich mit über 30 °C und einem warmen „Benvenuto“. Mein Airbnb lag zentral, das Rad ließ sich halbwegs problemlos zusammenbauen – wobei meine Billig-Inbusschlüssel schon damals zeigten, dass sie in einer Qualitätskontrolle wohl eher durchgewunken als geprüft worden waren.



Abends gönnte ich mir die erste italienische Pizza seit Langem. Kurz gesagt: Ich hätte in diesem Moment auch direkt am Ziel in Norwegen umdrehen können, so glücklich war ich.

Freitag – Ab in den Regen
70 km bis Rovereto, dem Startort, standen an. Die Wettervorhersage? Leider präzise wie ein Schweizer Uhrwerk: Regen, aber immerhin über 20 °C.
Unterwegs überholte ich einige Mitstreiter – ein Nebeneffekt, wenn man ständig zwischen „gemütlich plaudern“ und „flotte Beine“ wechselt.





In Rovereto gab’s die Startunterlagen, nochmal Pizza (rein aus Kohlenhydratgründen, natürlich!) und ein Briefing, bei dem ich mir dachte: Ein guter Inbusschlüsselsatz ist nicht Luxus, sondern Lebensversicherung. Also fuhr ich noch schnell in den Baumarkt. Später sollte sich das als goldrichtige Entscheidung herausstellen.
Start, Zimmerknappheit und Frischhaltefolien-Fiasko
Samstag – Der offizielle Start
Morgens im Hotel gab’s Frühstück zum Mitnehmen, denn um Punkt 8:00 Uhr – und Punkt einsetzendem Regen – stand ich in Reihe zwei, mit gefühlt 350 Fahrern hinter mir. Die ersten Kilometer entlang der Etsch Richtung Bozen liefen wie im Bilderbuch… wenn das Bilderbuch in Aquarelltechnik gemalt worden wäre.


Nach Bozen trennte ich mich von meiner Gruppe, um am Brenner mein eigenes Tempo zu fahren. Ich mag viele Alpenpässe, aber der Brenner? Eher Kategorie „Hörspiel mit Autobahngeräuschen“. Oben angekommen: Wetterumschwung auf „Dauerregen bis Innsbruck“. Trotzdem lief es besser als gedacht .



In Mittenwald stellte ein französischer Teilnehmer fest, dass seine Buchung nicht funktioniert hatte. Klar teilte ich mein Zimmer mit ihm. Ein Zimmer, zwei klatschnasse Fahrer und ein Wäschetrocknungsversuch, der ungefähr so erfolgreich war wie Sonnencreme im Gewitter.
Sonntag – Frühstart mit Frischhaltefolie
Mittenwald, 6 Uhr morgens: Meine Klamotten waren noch so nass wie beim gestrigen Etappenende. Aber weiter geht’s – über kleine Straßen Richtung Bad Tölz.


Das Wetter hatte Humor. Erst ein kurzer Sonnengruss, dann zwischen Lenggries und Bad Tölz ein Wolkenbruch, der mich zwang, meinen neusten Ausrüstungsstreich auszupacken: Frischhaltefolie. In Innsbruck gekauft, um meine Schuhe irgendwie trocken zu halten – sah es aus, als hätte ich Plastik-Stiefel aus einem Discounter für experimentelle Küchenmode. Immerhin funktional.
Frühstückspause mit Koffein-Overload
In Bad Tölz zog ich mich in eine Bäckerei zurück, zwei Kaffee und ordentlich Gebäck später ging’s weiter. Ziel: München, Kontrollpunkt 1. Die Strecke entlang der Isar und des Kanals war schön, aber wie immer in Bayern gab’s den Wetterwechsel auf Bestellung.
Am Marienplatz gab’s den ersten Stempel ins Brevet-Heft. Sonne, gute Laune, halbwegs trockene Schuhe – bis der nächste Regenschauer kam, kaum zwei Kilometer weiter.

Pizza, Freunde & Zeitplanchaos
In Freising wartete ein Treffen mit alten Studienkollegen – draußen beim Italiener, Pizza bestellt… und prompt kam wieder ein Gewitter. Also rein ins Restaurant und weiter gequatscht. Aus den geplanten 45 Minuten Mittagspause wurden fast zwei Stunden.
Der Zeitplan war damit futsch, aber das Gespräch war jede Minute wert. Trotzdem: Die Strecke nach Regensburg zog sich wie ein schlecht gebackener Kaugummi. Ständig kleine Hügel, ständig Regenklamotten an- und ausziehen. Die letzten Kilometer nach Kallmünz rettete mich eine Tankstelle – wobei der Radfahrer vor mir alle Brötchen aufgekauft hatte. Übrig blieb nur Süßkram. Nicht optimal, aber Kalorien sind Kalorien.
Montag – Sonne, Edeka und ein „Fan-Moment“
Der Tag begann auf dem Fünf-Flüsse-Radweg Richtung Amberg – Sonne und Rückenwind, ein seltener Luxus.

Erster Edeka, erste Kaffeepause, erste Begegnung des Tages: Eine Frau fragte, ob ich am NorthCape 4000 teilnehme. „Klar“, sagte ich, „und 400 andere auch.“
Stellt sich raus, sie betreibt den einzigen Fahrradladen der Region – und eilte nach Hause, um „den Ansturm vorzubereiten“.
Willkommen in Tschechien – und zurück im Regen
Die Oberpfalz zeigte sich hügelig, dann ging’s Richtung Cheb. Die Stadt hätte sicher einiges zu bieten, aber im Dauerregen war mir mehr nach „Kilometer machen“.

Hinter Cheb wurde die Straße mies, dann wieder besser.
In der Abfahrt nach Kraslice unterschätzte ich den Kälteschock – ohne Regenklamotten rein in den Wolkenbruch, unten angekommen so steif, dass ich kaum aus den Pedalen kam. Zum Glück folgte gleich ein Anstieg, der mich wieder auf Betriebstemperatur brachte.
Abends tauchte am Straßenrand ein Tisch mit Schild auf: „NorthCape 4000 – bedient euch“. Bananen, Müsliriegel, Wasser – und kurz darauf der freundliche Spender persönlich.

Spät abends, klatschnass, fand ich ein Hotel bei Chemnitz und war einfach nur dankbar für eine Dusche und ein Dach über dem Kopf.
Dienstag – Nasser Start und schmerzhafte Überraschungen
Frühstück? Ja. Trocken bleiben? Keine zwei Minuten. Kaum hatte ich das Hotel in Chemnitz verlassen, schüttete es wie aus Eimern. Zum Glück stand zwei Kilometer später eine Bäckerei bereit – Kaffee, Brötchen und Warten auf ein Wetterfenster.
Seit Klingenthal hatte ich nun ein neues Trio an Reisebegleitern:
- Linkes Knie: meckerte bei jeder Steigung
- Rechte Achillessehne: zog beleidigt
- Sitzfläche: entwickelte ein ganz neues Schmerzlevel, das ich bisher als Rennradfahrer nicht kannte
Kinesio-Tape half bei Knie und Ferse. Gegen die Sitzprobleme halfen nur Geduld, ärztliche Unterstützung und eine leicht veränderte Fahrhaltung.

Torgau – Das beste Curry Europas
In Torgau gönnte ich mir nach dem Besuch einer Apotheke in der ich Linderung für meine Sitzprobleme besorgen konnte, indisches Essen – und ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Das war das beste indische Essen, das ich je in Europa hatte. Der Besitzer war so freundlich, dass ich das Rad mitten ins Restaurant stellen durfte. Nebenbei sortierte ich meine Ausrüstung neu – alles völlig selbstverständlich für meinen Gastgeber.




Neue Bekanntschaften und XXL-Bifi
Hinter Torgau, in Brandenburg, traf ich Philipp aus der Schweiz. Netter Typ, gutes Tempo – nur hatte er am Gepäckträger ein Bündel XXL-Bifi-Würste, das wie ein stiller Begleiter ständig im Blickfeld hing. Ich sage es offen: Dieses Bild der Bifi-Pyramide verfolgte mich noch bis ans Nordkap.
Immerhin: Die Sonne kam raus. Kein Regen, keine nassen Klamotten – fast schon ein kleiner Urlaubsmoment.



Berlin – Trainingsmetropole und Kontrollpunkt 2
Gegen 19 Uhr rollte ich in die Hauptstadt ein. Faszinierend: Ganze Straßen waren für Radfahrer reserviert, und riesige Gruppen Rennradfahrer nutzten den Feierabend für Trainingsrunden.


Um 21 Uhr stand ich am Brandenburger Tor – leider zu spät für den Kontrollstempel. Aber egal, das Hotel lag nur vier Kilometer weiter, und nebenan gab’s noch einen Kebab-Laden mit Falafel im Angebot. Perfekter Abschluss für einen Tag, der zwischen Schmerzen, Sonnenschein und Bifi-Gedanken alles bot.
