770 km einmal quer durch Deutschland

770 km einmal quer durch Deutschland

Nach den letzten Vorbereitungen am Donnerstag, die ein gutes Abendessen mit reichlich Kohlenhydraten einschlossen, begann meine Aktion “miles 4 malabon” am Freitag um 06:30 Uhr. Frühstück, alles ins Auto packen und ab nach Vaals zum Start an der Grenze. Das Wetter sah besser aus als gemeldet, dazu aber später noch mehr.

Um 8:45 Uhr ging es endlich los. Etwas verspätet, da Tacho und Smartphone sich irgendwie komisch verhielten. Es sollte sich noch zeigen was das bedeutete. Mit Hannes, Martin und Nico fuhr ich erst einmal gemütlich bis zum Aachener Markt. Die ersten eineinhalb Stunden war also für ausreichend Begleitung gesorgt.

Am Aachener Markt empfing uns die Projekt Gruppe Malabon zur Verabschiedung. Alle perfekt ausgestattet mit passenden T-Shirts und Banner. Mit weiteren Freunden und Bekannten wurde es ein richtig “großer Bahnhof”. Das hat mich sehr gefreut und noch einmal mehr motiviert. Nach dem offiziellen Start führte die Route durch Aachen über Stolberg und weiter in Richtung Eifel nach Gressenich, wo es leicht zu regnen begann, dann weiter über Schevenhütte bis Gey. Dort verabschiedeten sich Nico und Martin, die Richtung Aachen abdrehten. Mit Hannes ging es über Kreuzau (wo es aufhörte zu regnen) über Landstraßen und gut asphaltierte (muss erwähnt werden!!!) Feldwege bis ins Rheintal.

Um und in Bonn war viel Verkehr, Freitag Mittag halt. An der Kennedy Brücke, bei km 95, wartete Loni mit Wasser, Riegel und Käsebrot. Nach einer kurzen Pause überquerte ich den Rhein. Ab jetzt war ich auf mich allein gestellt. Alles lief gut bis in Pützchen die Navigations App streikte. Sie ließ sich nicht mehr neu starten. Also Telefon-Neustart. Immer noch kein Erfolg. App gelöscht, einschließlich aller offline Karten und der Route. Neu installieren, Daten laden, starten, Livetrack neu starten und teilen, endlich weiter…

Bonn, km 95,

„Glücklicherweise“ fing es danach an zu regnen, was mich wieder abkühlte. Nach 30 Minuten war Regen für den Rest der Tour dann fast kein Thema mehr.  Bis Herborn ging es fast auf der originalen Route des RAG (Race Across Germany) weiter. Eigentlich war diese Route auch vorgesehen und auf dem Handy einprogrammiert. Aber die Smartphone App schlug einen anderen Weg vor. Nicht schön zu fahren, aber noch okay. In Herborn (km 195) habe ich an einer Tankstelle 2 Liter Wasser “nachgetankt” und bin in Richtung Bad Hersfeld der Originalstrecke gefolgt. Der Wind drehte von West auf Nord, und wurde insgesamt, wie immer nachts, schwächer.

Bad Hersfeld (km 320) ist eine Herausforderung. Beim RAG hat man eine Ausnahmegenehmigung und darf mit dem Rad über die Bundesstraße fahren. Ich musste den Radweg erst einmal suchen und bin etwas umher geirrt. An einer LKW Tankstelle habe ich wieder Wasser und eine kleine Flasche Cola für die Nacht gekauft. Dazu einen Kaffee und etwas zu essen. Danach habe ich mich für die Nacht umgezogen, Beleuchtung und Helmlampe angeschlossen und -wieder über Umwege- die Stadt verlassen. Viel hin und her kostet leider immer Zeit. 

Mittlerweile war kein Verkehr mehr, es ging auf Mitternacht zu. Im Gegensatz zum Autofahren bei Nacht, meist mit Musik, ist es auf dem Rad still. Immer wieder ein Krachen und Rascheln im Unterholz. Dann auf einer tollen Abfahrt plötzlich Wildwechsel. Ein Hirsch kreuzte nur kurz vor mir, bereits in meinem Lichtkegel, die Straße. Gut, dass ich nicht laufen lassen habe. Aber Tempo 70 hatte ich auch so drauf und hätte nicht mehr viel machen können. Im Hellen würde ich das Ding (die Abfahrt) gerne mal runter donnern. Das könnte leicht dreistellig werden…. Dann kreuzte ich mehrmals zwischen Hessen und Thüringen die ehemalige Zonengrenze,  bis ich am Horizont die angestrahlte Wartburg erkennen konnte. 

ehemalige Zonengrenze
ehemalige innerdeutsche Grenze bei Herleshausen (km 358)

Am Ende von Eisenach dann die Qual der Wahl. Garmin (Tacho) sagt links, Komoot (die Handy-App) rechts. Kurzer Stop und Blick auf die Karten. Komoot schlägt einen Weg südlich vor, der ein paar Kilometer später auf den Garmin Track zurück führt. Okay. Nehme ich wegen der Sprachsteuerung. Auch wenn ich diese Siri -oder Alexa-Stimme nach mittlerweile 380km schon nicht mehr hören kann. Auf dem Garmin lasse ich mir lieber die Puls-, Trittfrequenz und Wattwerte anzeigen. 

Mittlerweile war es weit nach Mitternacht. Die Namen der kleinen Orte kamen mir unbekannt vor, aber man kann sich natürlich nicht alle merken. Plötzlich das Ortseingangsschild von Gotha. Von waaas ? Vollbremsung, Kartenapp auf, durchatmen, fluchen, Kartenapp zu. Keine Alternative mehr. Jetzt war ich auf der „Südroute“, km 410, gefühlt beinahe in Bayern. Ich wusste es würde jetzt durch Erfurt und Weimar und Apolda gehen, statt Sömmerda und Naumburg. Meine Strategie in der Nacht an Friedhöfen Wasser zu bekommen war dahin. Wofür hatte ich alle Friedhöfe auf der originalen Route als Wegpunkte eingetragen, wenn sich die App darum nicht schert? Also musste der Vorrat bis Zeitz reichen, da kamen die Routen wieder zusammen. 

Eine Landeshauptstadt bei Nacht. Kein Verkehr, gut. Und  Komoot hat die Erfurt City Sightseeing Route für mich vorgesehen. Was will man mehr? Durch Fußgänger-freie Fußgängerzonen und über den Marktplatz an allen Ministerien vorbei. Am Ende eine großen Straße, die man nicht überqueren konnte. Außer man schultert das Rad, klettert über Absperrungen und Leitplanken um nach 100m querfeldein wieder fast auf der Strecke zu sein. Aber erst noch irgendwie von diesem Speditionsgelände runter. Geschafft und ab Richtung Weimar, für welches ich scheinbar kein Touristen Ticket hatte. Die Innenstadt konnte ich etwas umfahren. Es wurde langsam hell, und frisch. 8 Grad Celsius und müde. Keine gute Kombi. Anhalten, dicke Mütze und dünne Handschuhe auspacken. Regenjacke zusätzlich anziehen und weiter. Schon besser. Ich wurde unkonzentriert, hatte jedoch noch eine Cola in der Trikot-Tasche. Half nichts. An einer Bank im Nirgendwo habe ich dann die Entscheidung getroffen, mir 10 Minuten Powernap zu gönnen.. Rad abstellen, Timer auf 10 Minuten, Sirene als Signalton. Als ich wach wurde hörte ich die Sirene, aber wie lange schon? Keine Ahnung, ich hatte nicht auf die Uhr gesehen (laut der Aufzeichnung waren es übrigens 21 Minuten). Auf jeden Fall lief es jetzt wieder. Merklich heller ging es Richtung Zeitz weiter. Dank der Sonne, wurde es schnell wärmer und ich konnte Handschuhe und Mütze wieder einpacken.

Zuckerbahn Radweg von Camburg nach Zeitz

Der Weg entlang einer ehemaligen Eisenbahnstrecke war gut asphaltiert, eine Wohltat nach dem Hin-und Her der vergangenen Nacht.. In Zeitz (km 530) schnell Wasser an einer Tankstelle gebunkert und ein Brötchen mit Käse. Flaschen füllen und Pulver rein, weiter.  Jetzt, im Hellen, kannte ich die Strecke wieder. Daher kam mir der Ortsausgang in Zeitz „spanisch“ vor. Blick auf Garmin und Smartphone. Wieder andere Routen. Die Entscheidung war jetzt leicht. Garmin gewinnt. Trotzdem habe ich in Komoot noch einen neuen Wegpunkt eingefügt. Dort wo Christoph mit Verpflegung warten würde. Christoph war schon online und hatte auf meine Nachrichten immer schnell geantwortet. Da sich der Garmin kurz danach weigerte weiter zu navigieren (er zeigte mir nur noch „Fahrt nach Osten auf Vaalser Strasse“ an) wieder nur Komoot, welches mich immer wieder von den Bundesstraßen auf Feld- und Waldwege leitete, mal mit Teer, fast immer mit Kopfsteinpflaster und auch schon mal ohne Belag…

Aber gefühlt immer mit einem zusätzlichen Hügel. So komme ich nicht vor Weihnachten an!

Bei Kilometer 560 habe ich Christoph froh geschrieben, dass ich in 2 Stunden an der Verpflegung ankommen werde. Nur blöd, dass ich mich um beinahe 100km verrechnet hatte. Das fiel mir aber bald auf, und konnte schnell geklärt werden. Mittlerweile waren es über 20 Grad Celsius und ich habe die Beinlinge ausgezogen. Es lief recht zäh, hauptsächlich wegen der immer wieder vorgeschlagenen verkehrsarmen, aber schlechten Strassen. In Rochlitz ging es über den Rochlitzer Berg noch einmal für einige Kilometer steil bergauf, dann endlich in Richtung Nossen, wo mich Christoph treffen wollte. Am Ortseingang wartete er geduldig unter einem Baum im Schatten. In Christophs Windschatten fuhr ich durch Nossen, als ich ein vertrautes Motorengeräusch zu meiner Linken vernahm. Meine Frau und mein Sohn Kristian, die Samstag morgen in Aachen losgefahren waren, hatten mich trotz des nicht mehr funktionierenden Livetracks gefunden. Sie hatten auf gut Glück damit gerechnet mich an der Verpflegung abzupassen. Bis zu Christophs Auto mit der Verpflegung waren es noch 30km. Dort angekommen konnte ich mich für die restlichen, jetzt nur noch 120km, stärken. Meine Family fuhr derweil weiter um mir in Bautzen noch einen kleinen Zwischenstopp anzubieten.

Nach Christophs Verpflegung in Willsdruff ging es eine rasante Abfahrt hinunter zur Elbe. Erst mit Teer und über 60 Sachen, dann auf Kopfsteinpflaster der allerfeinsten Art. Dadurch gut aufgelockert fuhren wir gemeinsam in Radebeul über die Elbe. Christoph hat mich bis zum Ortsausgang in Radeberg an der bekannten Brauerei begleitet, und ist dann wieder zurück nach Willsdruff gefahren. Herzlichen Dank für die Super Aktion! Ich werde mich revangieren!

Kurz nach Bischofswerda (km 710) wieder ein Komöötchen. Erst ein geteerter Feldweg, dann Kopfsteinpflaster, zu guter Letzt wollte mich die App quer über ein Feld schicken, welches mit Mountainbike auch zu machen gewesen wäre. Für mich aber weiter auf dem Kopfsteinpflasterweg, bis er recht nahe an eine Bundesstrasse kam, dort Rad für ein paar Meter schultern, über die Leitplanke, und wieder einen Kilometer zurück um die richtige Abzweigung nach Bautzen zu erwischen. Durch Bautzen ging es flott, und am Ende der Stadt stand meine Family mit dem per WhatsApp bestellten Kaffee. Mehr war für die restlichen 40km bis Görlitz nicht mehr nötig. Die rollten ganz gut, denn der Wind hatte wieder etwas mehr auf West gedreht. Allerdings ist es auf der ganzen Strecke, abgesehen von Vettweiß (Düren) bis Weilerswist, keinen einzigen Kilometer flach.

So geht es auch vor Görlitz immer wieder rauf und runter. Am Ortseingangsschild noch schnell ein Foto und dann ab nach unten zur Altstadtbrücke. Dort wurde ich mit Applaus von Passanten und meiner Familie empfangen. Spontane Spenden gab es auch noch.

Dadurch, dass der Tracker ausgefallen war, hat mich die Eskorte des PSV Radsport Görlitz leider nicht gefunden und hat den Heimweg alleine antreten müssen. Schade, eure Begleitung auf den letzen Kilometern wäre super gewesen. Trotzdem Danke!

Nach einer Dusche haben wir den Abend mit einem guten Essen und einen Spaziergang durch die Görlitzer Altstadt genossen. Sonntag haben wir an einer Stadtführung teilgenommen. Als wir die Frage des Stadtführers nach unserer Herkunft mit Aachen beantworteten, sagte er, dass da einer mit dem Rad von Aachen nach Görlitz unterwegs sei. Das habe er in der Zeitung gelesen. Na, zumindest in den Minuten drauf konnte ich bei den Teilnehmern mehr Eindruck als die Görlitzer Altstadt machen. 

Allen von Euch, die diese Aktion mit Spenden, Verpflegung, Windschatten, Nachrichten, Emails, organisieren, Fotos, Aufklebern, und Nerven unterstützt haben möchte ich hiermit noch einmal herzlich danken. Ich freue mich sehr, dass für die Projekt Gruppe Malabon beinahe 7000 Euro (einige Spender haben nicht über Betterplace gespendet) zusammen gekommen sind!

Mal sehen was mir als nächstes einfällt…

Euer,
Bert

Und für die Statistiker unter Euch:

Dieser Beitrag hat 10 Kommentare

  1. Andreas

    Hammer-Leistung Bert!!! Herzlichen Glückwunsch & danke für den tollen Bericht und die ganze Aktion!

  2. Herbert

    Mega, Bert. Danke für deinen tollen Einsatz für unsere Straßenkinder.

  3. Boris

    Stramme Leistung!!!

  4. Christoph

    Lese den Bericht jetzt zum dritten Mal, bin immer noch geflasht von der tollen Aktion, don’t dream it, be it … thankx Bert!

  5. Gitta

    Da fehlen mir die Worte, WAHNSINN!

  6. Michael

    Respekt, Hochachtung für diese Leistung und dein Engagement.

  7. Tina

    Wow, ich bin total beeindruckt, super Aktion, mega Leistung 👍🤗

  8. Michaela

    Mir fehen die Worte, einfach nur fantastisch 🙂 🙂 🙂

  9. JP

    Ist ja irre. Congratulations. 👍👏

  10. Marianne

    Unbeschreiblich, ich bin sehr beeindruckt über den Mut und das Durchhaltevermögen, vor allem für den guten Zweck.

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